Die Märchenstunde ist zu Ende

Ein Kommentar

Als ehemaliger West-Berliner habe ich mich immer ein wenig gewundert. Im freien Teil Berlins hatte man eine Heidenangst vor den Sowjets. Wir lernten, dass Stalin und seine Schergen Millionen umgebracht und seine Nachfolger die Freiheitskämpfer in der ehemaligen DDR, in Ungarn oder der ehemaligen CSSR brutal niedergemacht hatten. Moskau war auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich im Osten die SED-Führung überhaupt halten konnte. Als die Sowjetunion nicht mehr bereit und in der Lage war, die Unterstützung zu gewähren, brach das Regime prompt zusammen.

Erwartet hatte ich, dass man nun Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion nach all den Erfahrungen skeptisch gegenüberträte. Immerhin bezeichntet der Führer Russlands, Wladimir Putin, den Untergang der Sowjetunion als größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Doch zu einer echten Aufarbeitung der Lebenslügen in der Sowjetunion war man nur in Teilen bereit. Auch hierzulande. Tatsächlich hörte man bald nur noch von der bösen Nato und den teuflischen Amis. Putin dagegen sei vielleicht nicht der lupenreine Demokrat. Aber für seine Art müsse man Verständnis haben. Schließlich bräuchte Russland die starke Hand. Antiamerikanismus und Russlandversteherei gingen so auch in TKS Hand in Hand.

Noch vor zwei Jahren schien es tatsächlich fast so, als wollte Teltow eine Städtepartnerschaft mit einem russischen Ort anbahnen. Da wusste man aber schon, dass in Russland Menschen rechtlos sind und Putin über Leichen geht. Im Nachhinein kann man nur von Glück reden, dass es nicht dazu kam. Auch die Leserbriefe, die zum Beispiel in der MAZ, veröffentlicht wurden, waren oft sehr vielsagend. Man hätte glauben können, Putins Russland hätte ein Opferabo in der Zeitung.

Seitdem Putin Tschetschenien in einem rücksichtslosen Krieg unterworfen hat, hinterließ er eine dicke Blutspur. Nun hat er sogar einen Krieg gegen die Ukraine vom Zaun gebrochen hat, den er mit der ihm eigenen Menschenverachtung führt, um das Imperium zurückzugewinnen. Die Sympathie, die der Ukraine in Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf entgegenschlägt, ist in der Tat enorm. Es gab Demos und man sammelte für die Ukraine. Die Bürgermeister von Teltow und Kleinmachnow engagieren sich vorbildlich. Ins Stahnsdorf wird darüber nachgedacht, Unterkünfte für Flüchtlinge zu schaffen. Viele sind aufgewacht. Dennoch vermute ich, es wird immer noch einige geben, die dem bösen Westen, der Nato und besonders den Amerikanern eine Teilschuld geben an dem Krieg. Denn das kennen wir doch: Wer einmal in der Lüge gefangen ist, der findet nur schwer wieder heraus. Warum? Man hat einfach schon zu viel in seine Märchenwelt investiert. Da macht man lieber noch ein paar komplizierte Wendungen, bevor man die lang gehegte Geschichte über Bord wirft. Doch je länger der Krieg dauert, desto schwerer wird es für die Putin-Versteher hierzulande. Wenn die Flüchtlinge, die hier bald in Massen ankommen werden, berichten, wie Russland Krieg führt, wird das Märchen auch für sie dann vollkommen zu Ende sein. Nun dauert es nicht mehr lang.

Herzlich

Christian Kümpel

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