Zwischen Herzblut und Erschöpfung
Warum der Erzieherberuf so fordernd ist
REGION. In der Region TKS sind circa 700 Erzieher beschäftigt. Wie schwer ihre Arbeit ist, können oder wollen einige nicht glauben. Auch die Wertschätzung lässt manchmal zu wünschen übrig. Dies, obwohl Erzieher einen der wichtigsten Beiträge für unsere Gesellschaft leisten: Sie legen den Grundstein für die Bildung und Sozialisation der nächsten Generation.
Doch zunächst einmal zu der Belastung: Hinter den bunten Bastelarbeiten und dem Kinderlachen verbirgt sich ein Arbeitsalltag, der viele Fachkräfte an ihre Grenze führt. Aktuelle Studien und Umfragen zeigen, warum die Arbeit in der Kita heute als Schwerstarbeit gilt: Der Beruf verlangt ein extrem hohes Maß an emotionaler Arbeit. Erzieher müssen den ganzen Tag präsent sein, auf die individuellen Bedürfnisse jedes Kindes eingehen und gleichzeitig Konflikte moderieren. Die Aufsichtspflicht für bis zu 25 Kinder gleichzeitig bedeutet konstante Anspannung. Laut dem Fachportal Unique Pädagogik führen fehlende Ressourcen und hoher Erwartungsdruck dazu, dass Erzieher besonders gefährdet für Erschöpfungssyndrome sind.
Die körperlichen Anforderungen werden oft unterschätzt. Der Alltag findet meist in einer Umgebung statt, die für Kinder gemacht sind, aber nicht für Erwachsene. In Kitas werden oft Pegel von über 80 bis 90 Dezibel erreicht – ein Wert, der in der Industrie Gehörschutz vorschreiben würde. Die meisten der Fachkräfte empfinden Lärm als massiven Belastungsfaktor. Das ständige Heben von Kindern sowie das Arbeiten an zu niedrigen Tischen führt häufig zu chronischen Rücken- und Gelenkschmerzen.
Die strukturellen Bedingungen verschärfen die Situation drastisch. Laut dem Paritätischen Gesamtverband fehlen in Deutschland aktuell rund 125.000 Fachkräfte – das sind im Schnitt zwei Stellen pro Einrichtung, die unbesetzt bleiben, auch in der Region. Weniger Personal bedeutet eine höhere Last für die Verbleibenden, was zu mehr Krankheitsausfällen und weiteren Kündigungen führt. Dies führt wiederum dazu, dass weniger Erzieher sich um mehr Kinder kümmern müssen. Dazu kommt: Erzieher verbringen immer mehr Zeit mit Beobachtungsbögen und bürokratischen Anforderungen, was die wertvolle Zeit für die pädagogische Arbeit mit den Kindern weiter reduziert.
Doch die Eltern können helfen, und zwar mehr als sie sich oft vorstellen. Ein einfaches „Danke, dass ihr heute trotz des Personalmangels für die Kinder da seid“ wirkt Wunder gegen emotionale Erschöpfung. Wenn Gruppen zusammengelegt werden müssen, trifft das Personal diese Entscheidung nicht gern. Verständnis signalisiert dem Team: Wir sehen eure Bemühungen und verstehen eure Lage.
Doch das ist noch mehr: Ein reibungsloser Ablauf spart dem Personal wertvolle Zeit für die pädagogische Arbeit. Das Einhalten der Abholzeiten ist zum Beispiel hilfreich. Auch sollte man Krankheiten ernst nehmen. Wer ein krankes Kind in die Kita bringt, riskiert nicht nur die Gesundheit anderer Kinder, sondern auch die der Erzieher. Ein hoher Krankenstand beim Personal ist die häufigste Ursache für Kita-Schließungen. In Stressphasen sollten „Tür-und-Angel-Gespräche“ auf das Wesentliche beschränkt werden. Für komplexe Themen ist ein separater Termin für alle Beteiligten stressfreier.
Der Fachkräftemangel ist jedoch ein strukturelles Problem, das nicht in der Kita gelöst werden kann. Elterninitiativen wie „Kita-Kollaps“ in Brandenburg zeigen, dass gemeinsamer Protest durchaus etwas bewirken kann. Doch auch vor Ort geht manches. So sind Briefe an die Gemeinde durchaus effektiv, um auf die Belastungssituation aufmerksam zu machen und bessere Rahmenbedingungen einzufordern. Denn nur wenn die Bedingungen für die Erzieher stimmen, können sie auch für die Kinder gut sein.
PM/Kü
Bild: Symbolbild (Foto Kü)


