Keine planerische Sackgasse

Ein Kommentar

Stahnsdorf steht im Januar 2026 an einer historischen Schwelle: Der städtebauliche Wettbewerb für das S-Bahn-Quartier startet, die Vision von Wohnungen und einem modernen Mobilitätsknoten nimmt auf dem Papier Gestalt an. Doch bei aller Euphorie über Schienen und Schwellen schwingt ein Risiko mit, das niemand laut aussprechen will: Was, wenn der Bund oder das Land den Geldhahn zudrehen und die S-Bahn-Verlängerung doch noch auf dem Abstellgleis landet?

Ist das möglich? Sowohl das Land als auch der Bund sind überschuldet. Dabei müsste das Land 25 Prozent und der Bund 75 Prozent der Kosten des Baus der S-Bahn nach Stahnsdorf tragen. Nun hat der Bund mehrere geplante Bahnprojekte aufgeschoben oder gestoppt, darunter die Wallauer Spange ( Frankfurt-Wiesbaden) und ein wichtiger Ausbau in Bayern (München-Mühldorf-Salzburg), da der Fokus auf der Sanierung des bestehenden Netzes liegt.

Und das Land Brandenburg ist im Grunde pleite: Der Gesamtschuldenstand des Landes (Kernhaushalt und Staatssektor) lag Ende 2024 bei 23,3 Mrd. EUR, ein Anstieg von 7,4 % gegenüber 2023, wobei der Kernhaushalt 20,5 Mrd. EUR ausmachte. Es besteht ein enormer Konsolidierungsbedarf, da für 2027 und 2028 erhebliche Deckungslücken von bis zu 1,8 Mrd. Euro prognostiziert werden, was Einsparungen nötig macht.

Zu glauben, die S-Bahn würde in jedem Fall kommen ist sehr optimistisch. Realisten sollten jedenfalls mit dem Ausstiegsszenario rechnen. Es wäre jedenfalls fatal, wenn die Gemeinde die Entwicklung der Flächen nördlich und südlich der Trasse ausschließlich als „Anhängsel“ der Schiene betrachtet. Ja, das S-Bahn-Projekt ist der Motor, aber die Flächenverfügbarkeit in der Metropolregion ist das eigentliche Pfund, mit dem man wuchern könnte.

Sollte die S-Bahn aber scheitern, darf Stahnsdorf nicht mit leeren Händen und einem nutzlosen Stapel Hochglanz-Entwürfe dastehen. Die Gemeinde muss sich im Klaren sein: Das Feld an der Sputendorfer Straße bleibt eine der großen Gestaltungsflächen im Speckgürtel. Wenn dort kein Bahnhof entsteht, braucht es einen „Plan B“.

Ein Scheitern der S-Bahn wäre ein herber Rückschlag für die Verkehrswende, aber es darf kein Stillstand für die Ortsentwicklung bedeuten. Vielleicht wäre das Quartier dann weniger dicht, vielleicht müssten innovative Bus-Konzepte (wie ein autonomes Shuttle-System) den Platz der S-Bahn einnehmen. Aber eines muss klar sein: Die Gemeinde braucht eine Vision für dieses Areal, die auch ohne den S-Bahn-Anker funktioniert.

Wer heute nur auf die Bahn setzt, riskiert, dass im Falle einer Finanzkrise nicht nur die Gleise fehlen, sondern eine ganze Stadtentwicklung im märkischen Sand verläuft. Es ist Zeit, die Planungen so robust zu gestalten, dass Stahnsdorf gewinnt – egal, ob am Ende ein Zug einfährt oder nicht.

Herzlich

Christian Kümpel

 

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