Das ewige Uhrwerk der Macht

Ein Kommentar

Zweimal im Jahr ereilt uns dasselbe Ritual: Die Uhren werden umgestellt. Im Frühjahr wird uns eine Stunde geraubt, im Herbst wird sie uns scheinbar großzügig zurückgegeben. Und jedes Mal flammt dieselbe Diskussion wieder auf. Warum tun wir uns das eigentlich noch an?

Ihre Erinnerung trügt Sie nicht: Die EU-Bürger haben sich längst entschieden. In einer historischen Online-Umfrage der EU-Kommission im Jahr 2018 stimmte eine überwältigende Mehrheit von 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer unmissverständlich dafür, die Zeitumstellung abzuschaffen. Der damalige Kommissionschef Jean-Claude Juncker verkündete stolz, man werde diesem Bürgervotum folgen. Das EU-Parlament segnete das Ende des Zeigerdrehens sogar für das Jahr 2021 ab.

Und dennoch schreiben wir das Jahr 2026, und nichts ist passiert. Erst an diesem Wochenende sind wir wieder pünktlich in die Normalzeit zurückgeworfen worden.

Dass es nicht vorangeht, liegt an den Verästelungen des bürokratischen Apparats. Die EU-Kommission hat den Ball damals an die Nationalstaaten zurückgespielt: Sie sollten selbst entscheiden, ob sie dauerhaft die Sommerzeit oder die Winterzeit (Normalzeit) behalten wollen. Und genau dort steckt das Vorhaben im ewigen Patt fest. Die Regierungen können und wollen sich nicht einigen. Würde man sich auf eine dauerhafte Winterzeit einigen, ginge im Sommer im Osten Polens die Sonne schon um halb vier Uhr morgens auf. Wählte man die ewige Sommerzeit, bliebe es im Winter im Westen Spaniens bis fast zehn Uhr morgens stockdunkel. Um einen logistischen und wirtschaftlichen Flickenteppich aus verschiedenen Zeitzonen mitten in Europa zu verhindern, müsste eine koordinierte Lösung her. Doch in den Chefetagen der Politik ist das Thema angesichts globaler Krisen schlicht ganz unten in den Schubladen verschwunden.

Dieses Phänomen berührt aber am Ende eine tiefere, fast unheimliche Wahrheit über moderne Großsysteme. Es ist die perfekte Analogie für das Gefühl der Ohnmacht in einer durchorganisierten Welt. Uns wird die Illusion von Partizipation und Freiheit geschenkt – wir dürfen online abstimmen, unsere Stimme abgeben und kollektiv eine Abschaffung fordern. Das System spiegelt uns vor, dass der Bürger der Souverän ist.

Doch am Ende zeigt sich die Trägheit des bürokratischen und wirtschaftlichen Apparats. Große Systeme sind wie gigantische Tanker: Einmal in Fahrt gebracht, lassen sie sich kaum noch stoppen oder lenken. Sie besitzen eine inhärente Eigendynamik, die über den Willen des Einzelnen und sogar über den Willen der Masse hinwegrollt. Wir stellen unsere Uhren nicht um, weil es logisch, gesund oder energiesparend ist – die Wissenschaft hat den Nutzen längst widerlegt und warnt stattdessen vor dem Mini-Jetlag für den menschlichen Körper. Wir stellen die Uhren um, weil die Infrastruktur des Systems es verlangt. Das System, für das wir nur im Sinne von Luhmann Umwelt sind. 

Wir leben in dem Glauben, die Zeit zu beherrschen, indem wir sie messen. Doch die Systeme, die wir zu unserer Organisation erschaffen haben, steuern letztlich uns. Und so drehen wir weiter an den Rädchen – gefangen im Takt eines Uhrwerks, das niemand mehr anzuhalten vermag.

Herzlich

Christian Kümpel

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