Die EPS-Plage
Warum das Problem wächst und wie Kommunen jetzt umdenken müssen
REGION. Die Populationen des Eichenprozessionsspinners (EPS) steigen in Deutschland aufgrund milder Winter und trockener Sommer kontinuierlich an, was zu einer flächendeckenden gesundheitlichen und forstwirtschaftlichen Plage führt. Während betroffene Städte und Gemeinden mit akuten Maßnahmen wie Absperrungen und mechanischen Absaugungen reagieren, fordern Experten eine langfristige Strategie. Der Fokus verschiebt sich zunehmend von chemischer Symptombekämpfung hin zu ökologischer Prävention und dem gezielten Schutz natürlicher Fressfeinde.
Der Eichenprozessionsspinner gilt laut Analysen von Waldschutzinstituten als einer der größten Gewinner des fortschreitenden Klimawandels. Die Ursachen für die explosionsartige Massenvermehrung sind vielschichtig:
- Klimatische Idealbedingungen: Warme, sonnige und extrem trockene Frühjahrsmonate bieten den frisch geschlüpften Eiräupchen im April optimale Startbedingungen.
- Perfekt abgestimmtes Timing: Durch den zeitigen Temperaturanstieg fällt der Larvenschlupf immer häufiger exakt mit dem frischen Blattaustrieb der Eichen zusammen. Nahrung ist somit im Überfluss vorhanden.
- Milde Winter: Die Überwinterungsrate der abgelegten Gelege im Kronenbereich der Bäume ist durch das Ausbleiben langanhaltender, extremer Frostperioden drastisch angestiegen.
- Mangel an natürlichen Gegenspielern: In den betroffenen Monokulturen und urbanen Grünzügen fehlen oft die biologischen Regulatoren wie räuberische Käfer, Schlupfwespen oder spezialisierte Vogelarten in ausreichender Zahl, um die Populationen einzudämmen.
Für die lokalen Behörden hat sich die Raupenplage zu einer enormen logistischen und finanziellen Belastung entwickelt, die viele Gemeinden an ihre Budgetgrenzen bringt. Das Handeln der Verwaltungen teilt sich in akute Gefahrenabwehr und saisonale Planung:
- Gefahrenzonen absperren und beschildern: Sobald ein Befall im öffentlichen Raum – etwa an Spielplätzen, Schulen oder in Parks – gemeldet wird, sperren die Ordnungs- und Grünflächenämter die Bereiche großflächig ab und stellen Warnschilder auf.
- Mechanische Beseitigung (Absaugen): Spezialisierte Fachfirmen rücken in Vollschutzanzügen an, um die Gespinste im Mai und Juni mittels industrieller Spezialsauger von den Stämmen zu entfernen. Ein Abflammen wird wegen des Risikos, die giftigen Haare durch die Thermik weiträumig zu verwirbeln, kaum noch praktiziert.
- Biologischer Pflanzenschutz im Frühjahr: In den ersten Larvenstadien (April/Mai) setzen einige Kommunen vom Boden aus biologische Spritzmittel ein, beispielsweise auf Basis des Bakteriums Bacillus thuringiensis oder Neemöl, um die Entwicklung der Raupen vor dem Ausbilden der gefährlichen Brennhaare zu stoppen.
- Fördermittel und Krisentreffen: Ballungsräume wie Berlin oder ländliche Regionen in Brandenburg fordern zunehmend finanzielle Hilfe von den Ländern, da die Kosten für den Gesundheitsschutz im sechsstelligen Bereich liegen.
Die reine Symptombekämpfung durch Absaugen ist teuer und löst das Problem im Folgejahr nicht von selbst. Naturschutzverbände und forstwirtschaftliche Institute fordern daher ein radikales Umdenken hin zu proaktiven, ökologischen Maßnahmen.
- Gezielte Förderung natürlicher Fressfeinde
Um das biologische Gleichgewicht wiederherzustellen, müssen Lebensräume für Arten geschaffen werden, denen die giftigen Brennhaare nichts anhaben können. Dazu gehört das großflächige Anbringen von Nistkästen für Kuckucke, Meisen und Rotkehlchen im Umfeld von Eichenbeständen sowie das Installieren von Fledermauskästen, da Fledermäuse die adulten Nachtfalter im Spätsommer jagen.
- Wald- und Alleenumbau weg von Monokulturen
Eichen in Reinbeständen oder isolierte Alleenbäume an sonnenexponierten Straßenrändern bieten dem EPS den perfekten Lebensraum. Langfristig müssen diese Strukturen durch den Umbau zu gemischten, schattigeren Laubwäldern aufgebrochen werden. Das senkt die Lichtintensität und die Temperatur am Einzelbaum, was die Attraktivität für die Eiablage mindert.
- Etablierung digitaler Monitoring-Systeme
Verwaltungen benötigen flächendeckende, digitale Kataster über den Befall der Vorjahre. Mithilfe von Pheromonfallen (Sexuallockstoffen) lässt sich der Falterflug im Spätsommer präzise überwachen, um Hotspots für das kommende Frühjahr bereits im Vorfeld einzugrenzen und gezielter zu intervenieren.
- Aufklärung und klare Meldewege für Bürger
Da sich die giftigen Haare über Jahre im Unterholz und im Boden anreichern, muss die Bevölkerung dauerhaft sensibilisiert werden. Kommunen sollten transparente, digitale Meldeportale einrichten, über die Bürger Funde im öffentlichen Raum direkt per Smartphone-Foto und GPS-Koordinate an das zuständige Grünflächenamt übermitteln können.
PM
Bild: EPS (Foto Pixabay)


