Westen gegen Osten?
Ein Kommentar
OSTDEUTSCHLAND. Wer glaubte, dass Westdeutschland und Ostdeutschland von den „geistigen Eliten“ zusammengeführt würden, muss sich wohl eines Besseren belehren lassen. Ein Beispiel für das Wirken der Gebildeten im Westen: Der Historiker und stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) Magnus Brechtken hat in der Sonntagszeitung der FAZ krude Thesen zur politischen Entwicklung im Osten formuliert. Dafür gab es aber auch eine massive Welle der Empörung und Gegenkritik.
In dem Text (sowie begleitenden Interviews) spitzt Brechtken eine angeblich wachsende Frustration im Westen gegenüber dem Wahlverhalten im Osten extrem zu.
Der Vorwurf des Jammerns: Er greift das alte Narrativ des „Jammerossis“ auf und kritisiert eine, wie er es nennt, „habituelle Unzufriedenheit“ in den neuen Bundesländern.
Kritik an mangelnder „Dankbarkeit“: Er formuliert plakativ, die Botschaft des Westens an den Osten bewege sich zunehmend dahin: „Wenn ihr unzufrieden seid, dann bleibt es halt, aber bitte nicht mehr auf unsere Kosten!“ Damit stellt er finanzielle Transfers und Solidarität offen infrage.
Historische Provokation: Brechtken provoziert zudem mit der historischen These, dass die DDR gar nicht primär durch die Friedliche Revolution der Ostdeutschen beendet wurde, sondern weil Michail Gorbatschow sie außenpolitisch freigegeben habe.
Viele Beobachter, Journalisten und Bürger empfinden solche Beiträge etablierter Intellektueller als Brandbeschleuniger, die die Deutschen absichtlich oder fahrlässig auseinandertreiben. Die Kritik an Brechtkens Vorstößen folgt prompt aus verschiedenen Lagern:
- Der „Aufstand der Jammerwessis“: In Gegenkommentaren (unter anderem im Magazin Cicero) wird argumentiert, dass hier das blanke Ressentiment regiert. Aus einer „narzisstischen Kränkung“ heraus, weil der Osten politisch eigene Wege geht (hohe Wahlergebnisse für AfD und BSW), verfalle der westdeutsche Intellektuelle nun in trotzige Strafphantasien.
- Wahlkampfhilfe für den Rand: Kritiker wie der SPD-Politiker Mathias Brodkorb werfen solchen westdeutschen Geistesarbeitern vor, mit diesem Paternalismus und den Drohungen (wie dem Entzug von Westgeld) der AfD die beste Wahlkampfhilfe überhaupt zu liefern.
- Vergessen der Transformationsleistung: Medien wie der Stern betonen, dass diese pauschale Abwertung die realen, tiefgreifenden Umbrucherfahrungen nach 1990 unsichtbar macht, bei denen sich für die Ostdeutschen – im Gegensatz zu den Westdeutschen – schlagartig das komplette Leben und Wirtschaftssystem veränderte.
- Man darf wohl noch hinzufügen: Nach 1990 gab es mehr als 3,8 Millionen Umzüge nach Westen. Im selben Zeitraum zogen etwas 2,6 Millionen Deutsche aus dem Westen nach Osten. Da ist es in Teilen schwierig, von Ossis und Wessis zu reden.
Es zeigt sich: Während der Spiegel vor Jahrzehnten mit dem Begriff „Dunkeldeutschland“ den Boden für diese Art der Berichterstattung bereitete, wird das Ressentiment heute von Teilen der westdeutschen Elite in einer neuen Schärfe bedient – mit dem Potenzial, die gesellschaftliche Spaltung weiter zu vertiefen. Und natürlich werden auch im Osten Vorurteile bedient. Der Wessi sei besserwisserisch, ohne Mitgefühl und berechne Gästen Getränke. Außerdem sei er eigentlich ein Amerikaner, der Deutsch spreche. Der tiefere Grund für solchen Unsinn ist vermutlich, dass man sowohl im Osten als auch im Westen unzufrieden mit der Politik ist. Da liegt es nahe, Sündenböcke zu finden. Wie man sieht, braucht man nicht lange zu suchen. An der schlechten Politik wird das aber wenig ändern.
Herzlich
Christian Kümpel


