Aufstand an der Basis
Die CDU Großbeeren ist sauer
GROSSBEEREN. Die Nachbargemeinde von Teltow, Großbeeren im Landkreis Teltow-Fläming, gilt als eine der sichersten CDU-Hochburgen des Bundeslandes Brandenburg. Doch im September 2026 sorgt der dortige Ortsverband weit über die Landesgrenzen hinaus für politisches Beben. Mit einem drastischen Brandbrief an Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz macht die lokale Basis ihrem aufgestauten Frust Luft und droht offen mit dem Parteiaustritt.
Der konkrete Anlass für den offenen Brief war das verheerende Abschneiden der Christdemokraten bei der Landtagswahl im benachbarten Sachsen-Anhalt. Während die AfD dort mit historischen 43,8 Prozent einen Erdrutschsieg feierte, stürzte die CDU um fast 20 Prozentpunkte auf magere 17,2 Prozent ab.
Für den Ortsverband in Großbeeren ist dieses Ergebnis kein bloßer „Betriebsunfall“. In dem Schreiben, das federführend vom Ortsvorsitzenden und Kreistagsabgeordneten Adrian Hepp verfasst und von insgesamt 33 Mitgliedern – darunter auch Großbeerens Bürgermeister Martin Wonneberger – unterzeichnet wurde, wird eine tiefe Entfremdung zwischen der Parteispitze in Berlin und den Bürgern vor Ort beklagt.
Die Kritik der Brandenburger Christdemokraten richtet sich direkt gegen den Kommunikationsstil und den politischen Kurs der Bundesregierung unter Friedrich Merz.
„Wir brauchen keine CDU-Führung, die der Basis erklärt, warum ihre Politik eigentlich richtig sei. Wir brauchen eine CDU-Führung, die bereit ist, sich zu fragen, warum immer weniger Menschen diese Politik für richtig halten“, heißt es in dem auf Facebook veröffentlichten Brief.
Die Unterzeichner betonen, dass der Wählerschwund nicht an einer plötzlichen Radikalisierung der Menschen liege. Vielmehr hätten viele Bürger das Vertrauen verloren, dass die etablierte Politik ihre alltäglichen Probleme – von hohen Energiepreisen bis hin zu Bürokratie – überhaupt noch lösen könne. Zwar fordern Hepp und seine Mitstreiter aktuell noch nicht den Rücktritt von Merz („An dem Punkt sind wir noch nicht“), die Drohung steht jedoch im Raum: Sollte kein grundlegender Kurswechsel erfolgen, wollen die Mitglieder ihre Mitgliedschaft aufkündigen.
Um zu beweisen, dass es ihnen nicht nur um pauschale Kritik geht, legte die CDU Großbeeren unmittelbar nach dem Brandbrief einen konkreten Zehn-Punkte-Plan vor, um das konservative und wirtschaftspolitische Profil der Partei zu schärfen:
- Wirtschaft & Bürokratie: Entlastung von Bürgern und Unternehmen sowie stärkere Unterstützung für Gründer und Solo-Selbstständige.
- Migration & Integration: Eine konsequentere und geordnete Migrationspolitik. Straffällige Personen ohne Bleiberecht müssten zügig abgeschoben werden, während integrationswillige Menschen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten sollten.
- Innere Sicherheit: Konsequentere Strafverfolgung, insbesondere bei Angriffen auf Polizisten, Rettungskräfte und Lehrkräfte.
- Bildung: Einführung einer stärkeren Leistungsorientierung und Verbindlichkeit an Schulen sowie verpflichtende Sprachprüfungen vor der Einschulung.
- Finanzen: Eine strikte, regelmäßige Überprüfung aller Bundesausgaben im Sinne der Generationengerechtigkeit.
- Umwelt vs. Gemeinwohl: Bei Natur- und Denkmalschutz wird eine stärkere Abwägung mit dem öffentlichen und wirtschaftlichen Interesse gefordert.
Aus Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf hört man nichts. Das heißt aber nicht, dass man dort zufrieden mit der Bundespolitik wäre. Auch dort brodelte es. Die Initiative aus Großbeeren zeigt allerdings exemplarisch, wie groß der Druck an der kommunalen Basis der CDU ist. Da die Lokalpolitiker im täglichen Austausch mit den Bürgern stehen, fangen sie den Frust der Bevölkerung ungefiltert ab. Ob der Weckruf aus der brandenburgischen Provinz den Kurs im Berliner Konrad-Adenauer-Haus nachhaltig beeinflussen wird, bleibt abzuwarten – die Debatte um die Identität und die Zukunft der CDU als Volkspartei hat er jedenfalls angeheizt.
PM/Kü
Bild: Facebook CDU (Foto CDU-Großbeeren)


