Sparkurs in Potsdam-Mittelmark
Kahlschlag beim ÖPNV/Ende des kostenlosen Schülertickets?
POTSDAM-MITTELMARK/STAHNSDORF. Der Landkreis Potsdam-Mittelmark zieht die finanzielle Reißleine und bittet dafür Pendler sowie Familien massiv zur Kasse. Angesichts einer dramatischen Haushaltskrise steht der öffentliche Personennahverkehr im Kreis vor tiefgreifenden Einschnitten. Während auf der einen Seite das über Jahre bewährte kostenlose Schülerticket für Tausende Familien abgeschafft werden soll, droht den Fahrgästen der kreiseigenen Verkehrsgesellschaft regiobus gleichzeitig eine spürbare Ausdünnung des Liniennetzes.
Besonders hart treffen die Pläne der Kreisverwaltung die Eltern im Landkreis. Ab dem Schuljahr 2027/2028 soll das bisher komplett beitragsfreie Schülerticket der Vergangenheit angehören. Der Haushaltsentwurf sieht vor, einen pauschalen Eigenanteil der Eltern einzuführen. Diskutiert wird derzeit eine Summe von rund 20 Euro pro Kind und Monat – unabhängig davon, wie weit der Schulweg tatsächlich ist. Die Verwaltung erhofft sich durch diese Maßnahme jährliche Einnahmen von rund zwei Millionen Euro, um das Haushaltsloch zu stopfen. Landrat Marko Köhler verteidigte das Vorhaben und verwies darauf, dass eine solche Kostenbeteiligung in vielen anderen Landkreisen längst gängige Praxis und für Potsdam-Mittelmark schlicht unumgänglich geworden sei.
Als Kostentreiber für das Defizit nennt der Kreis unter anderem die jüngsten Tariferhöhungen des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg um sechs Prozent, rasant gestiegene Kraftstoffpreise und den höheren Mindestlohn. Allein im laufenden Jahr musste der Kreis für die Schülerbeförderung rund 800.000 Euro mehr aufwenden als ursprünglich kalkuliert. Während einkommensschwache Familien über die Leistungen für Bildung und Teilhabe weiterhin entlastet werden sollen, regt sich im Kreisschulbeirat und bei lokalen Politikern bereits Widerstand gegen die neue soziale Zusatzbelastung für den Mittelstand.
Doch das Sparkonzept greift noch tiefer: Parallel zu den steigenden Kosten für Familien schrumpft das Angebot auf der Straße. Um den Verkehrsvertrag mit der regiobus Potsdam Mittelmark GmbH finanzierbar zu halten, wird das Busnetz sukzessive ausgedünnt. Wie hart diese Einschnitte die Kommunen vor Ort treffen, zeigt sich aktuell in Stahnsdorf. Dort schlagen die jüngsten Sparmaßnahmen der regiobus tiefe Wunden in die lokale Infrastruktur: Durch erhebliche Taktausdünnungen an Wochenenden und Abenden – insbesondere bei den zentralen Linien 620, 626, 627 und 629 – droht vielen Bürgern ein akuter Mobilitätsverlust.
Gegen diesen drohenden Kahlschlag regt sich nun programmatischer Widerstand. Die von der Gemeindevertretung bestätigte Lokale-Agenda-Gruppe Mobilität Stahnsdorf zeigt zwar Verständnis für die wirtschaftlichen Sachzwänge des Landkreises, fordert jedoch dringend die Prüfung flexibler Alternativen statt eines ersatzlosen Rückzugs aus der Fläche. Wir verstehen, dass leere Großbusse in Randzeiten wirtschaftlich schwer darstellbar sind und gekürzt werden muss, erklärt Guido Zielke, Sprecher der Agenda-Gruppe Mobilität. Ein ersatzloser Rückzug aus der Fläche ist jedoch das falsche Signal. Wenn der klassische Linienbus an seine Grenzen stößt, müssen wir On-Demand-Dienste prüfen. Digitale Rufbus-Systeme auf Bestellung sind genau die wirtschaftliche und bedarfsgerechte Alternative, die Stahnsdorf jetzt braucht.
Nach Auffassung der Experten bieten diese On-Demand-Angebote per App oder Telefon die Chance, Lücken im Netz effizient und kostenschonend zu schließen. Da Fahrzeuge nur bei tatsächlichem Bedarf fahren, werden öffentliche Kassen geschont und die Mobilität im Ort bleibt dennoch gesichert. Die Agenda-Gruppe appelliert daher an die Gemeinde und den Landkreis, zeitnah ein entsprechendes Pilotprojekt im TKS-Raum (Teltow-Kleinmachnow-Stahnsdorf) auf den Weg zu bringen. Der Spirale steter Einschränkungen des ÖPNV über die letzten Jahre, die aktuell mit der Streichung des kostenlosen Schülertransports einen neuen Höhepunkt erreicht, könne nach Ansicht der Gruppe nur mit innovativen und mutigen Konzepten begegnet werden.
Für die Bürger im Landkreis zeichnet sich damit eine paradoxe und frustrierende Entwicklung ab: Während das Fahren mit Bus und Bahn teurer wird – sei es durch die Kostenbeteiligung beim Schulbusverkehr oder allgemeine Ticketpreissteigerungen –, sinkt gleichzeitig die Attraktivität und Verlässlichkeit des ÖPNV-Angebots im ländlichen Raum. Der Kreistag wird in den kommenden Wochen über das hochexplosive Sparpaket beraten müssen. Ob die Politik den Mut aufbringt, dem Sparkurs digitale und flexible Mobilitätskonzepte entgegenzusetzen, wird sich dann zeigen.
PM/Kü
Bild: regiobus (Foto regiobus)


