Der blinde Fleck der Toleranz
Ein Kommentar
Das Attentat auf den Christopher Street Day in Berlin am gestrigen Abend trifft die linksliberale Gesellschaft tief. Wenn eine solche Tat ausgerechnet dann geschieht, wenn die Community ein lautstarkes Zeichen gegen die AfD setzen will, ist die Erschütterung doppelt groß. Doch die bittere Ironie dieses Szenarios liegt in der Identität des Täters: Ein Islamist. Für das ideologische Gefüge der Linksliberalen ist das der absolute Super-GAU.
Es ist der Moment, in dem die Realität mit voller Wucht in ein sorgsam gepflegtes Weltbild einschlägt. Eigentlich ist die Rollenverteilung im linken Kosmos klar definiert: Hier die schützenswerten Minderheiten, dort der rechte Feind als personifiziertes Übel. Dass nun eine fundamentale Bedrohung für queeres Leben aus einer Gruppe erwächst, die man selbst stets reflexhaft vor Kritik in Schutz nimmt, erzeugt eine unerträglichen inneren Widerspruch.
Wie also wird die Reaktion aussehen? Die Erfahrung lehrt: Es folgt die Flucht in den bekannten Beißreflex. Um das eigene Narrativ zu retten, wird der Hass auf die AfD nicht abnehmen, sondern sich sogar noch intensivieren. Es ist die Flucht vor der eigenen intellektuellen Pleite. Da die ideologischen Scheuklappen es schlicht nicht zulassen, den radikalen Islamismus als das zu benennen, was er ist – eine homophobe, faschistoide und tödliche Ideologie –, muss der Zorn umgeleitet werden.
Man wird die Tat zum tragischen Einzelfall degradieren, die psychische Verfassung des Täters vorschieben oder gar der Mehrheitsgesellschaft die Mitschuld geben, weil sie nicht genug integriert habe. Gleichzeitig wird man im Kampf gegen rechts die Schlagzahl erhöhen, um den eigenen moralischen Kompass künstlich zu kalibrieren.
Diese Weigerung, die Realität beim Namen zu nennen, führt jedoch in den Abgrund. Wer aus Angst vor dem falschen Beifall die Augen vor dem islamistischen Terror verschließt, verrät genau jene Menschen, die er zu schützen vorgibt. Das größte Problem dabei: Man kann eine Gefahr niemals bekämpfen, geschweige denn eine Lösung finden, wenn man sich weigert, das Problem überhaupt beim Namen zu nennen. Der blinde Fleck der Linken verhindert jeden echten Schutz – und lässt die Bedrohung im weiterwachsen. Das Ende davon ist abzusehen.
Herzlich
Christian Kümpel


