Das Berliner Mieten-Glücksspiel

Ein Kommentar

Der Fall aus einer Steglitzer Hausgemeinschaft zeigt es überdeutlich: Der Berliner Mietspiegel ist gescheitert. Er schützt die Mieter nicht, sondern produziert Bürokratie, Streit und Willkür. Es ist Zeit für ein radikales Umdenken.

Es klingt wie eine Satire aus der Morgenpost, ist in Berlin-Steglitz aber bitterer Alltag: Dreißig Mietparteien rund um einen gemeinsamen Innenhof erhalten Mieterhöhungen von bis zu 145 Euro. Soweit, so normal in einer Metropole. Absurd wird es erst bei den Begründungen. Bei dem einen Mieter gilt der Kitaspielplatz im Hof, den die eigenen Kinder gar nicht nutzen, als wertsteigernd, beim Nachbarn spielt er keine Rolle. Dort ist es plötzlich der „repräsentative Eingang“ oder die dehnbare Definition eines „hochwertigen Bodens“, die den Preis in die Höhe treiben soll.

Die reflexartige Reaktion der Politik auf dieses Chaos ist bekannt: Man fordert noch mehr Regulierung, noch mehr Kontrolle, ein noch detaillierteres „Merkmalregister“. Doch das ist ein fundamentaler Irrtum. Dieses bürokratische Monstrum namens Mietspiegel lässt sich nicht gesundschrumpfen. Er ist im Kern das Problem, nicht die Lösung.

Der Berliner Mietspiegel, einst angetreten als Instrument des sozialen Friedens, hat sich in ein staatlich legitimiertes Glücksspiel verwandelt. Weil er versucht, den Wert einer Wohnung in ein starres, aber gleichzeitig schwammiges Raster aus „Gummiparagrafen“ zu pressen, provoziert er genau das, was er verhindern sollte: Willkür. Große Wohnungsunternehmen nutzen den Auslegungsspielraum strategisch aus, während Mieter verunsichert werden. Das Ergebnis sind nicht bezahlbare Mieten, sondern überlastete Gerichte, teure Gutachten und ein florierendes Geschäft für Mietrechtsanwälte.

Gleichzeitig verfehlt der Mietspiegel seine eigentliche ökonomische Funktion. Indem er alle zwei Jahre die Preissteigerungen der Vergangenheit dokumentiert und fortschreibt, dämpft er die Preise nicht – er organisiert und legitimiert die Preisspirale lediglich bürokratisch. Er doktoriert an den Symptomen herum, ignoriert aber das Kernproblem: das eklatante Missverhältnis von Angebot und Nachfrage.

Wohnraum verhält sich ökonomisch nicht anders als jedes andere Gut. Wenn ein Gut knapp ist, steigt sein Preis. Die einzige ehrliche und nachhaltige Antwort darauf ist eine Ausweitung des Angebots. Und genau hier blockiert die Berliner Regulierungswut sich selbst. Welcher private Investor, welches Bauunternehmen soll Milliarden in den Berliner Wohnungsbau stecken, wenn der Ertrag am Ende von den Unwägbarkeiten eines politisch motivierten Punktekatalogs abhängt?

Eine marktliche Regulierung wäre hier nicht nur ehrlicher, sondern effektiver. Würde man den Markt freigeben und gleichzeitig die lähmende Bürokratie bei Baugenehmigungen abbauen, würde das Investitionen massiv ankurbeln. Mehr Renditechancen ziehen Kapital an. Und dieses Kapital fließt in das Fundament neuer Häuser.

Das Ziel muss ein Markt sein, auf dem Vermieter wieder um Mieter konkurrieren müssen und nicht umgekehrt. Sobald das Angebot die Nachfrage einholt, verliert jede „fadenscheinige“ Begründung für eine Mieterhöhung sofort ihre Wirkung. In einem funktionierenden Markt entscheidet der Kunde – also der Mieter –, ob ihm ein abgewohntes Bad oder ein dunkler Innenhof den geforderten Preis wert ist. Ist er es nicht, zieht er um.

Die Befürchtung, eine Freigabe des Marktes würde sofort zu sozialer Verdrängung führen, greift zu kurz. Der Übergang müsste flankiert werden – nicht durch Mietpreisbremsen, sondern durch gezielte, subjektbezogene Unterstützung wie ein reformiertes Wohngeld für Einkommensschwache. Das ist treffsicherer und verzerrt den Markt nicht.

Der Fall Steglitz beweist: Berlin hat sich in seiner eigenen Regulierung verheddert. Es ist Zeit, das ideologische Misstrauen gegenüber der Marktwirtschaft abzulegen. Nur ein freier, dynamischer Wohnungsmarkt kann durch Neubau den Druck dauerhaft vom Kessel nehmen. Alles andere ist staatlich verwalteter Mangel.

Herzlich

Christian Kümpel

 

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