Teltows Weichenstellung für die Wärmewende

Strategischer Meilenstein oder Papiertiger?

TELTOW. Die Energiewende im eigenen Heizungskeller bekommt für die Bürgerinnen und Bürger in Teltow ein Gesicht – oder zumindest eine Farbe auf einer digitalen Karte. Am 30. September 2026 soll die Stadtverordnetenversammlung (SVV) den formellen Fertigstellungsbeschluss für die kommunale Wärmeplanung fällen. Vorausgegangen ist eine monatelange Ausarbeitung im Rahmen des interkommunalen Projekts „ikWP-TKS“, bei dem Teltow gemeinsam mit den Nachbargemeinden Kleinmachnow und Stahnsdorf kooperiert hat. Grundlage für das Mammutprojekt sind das Wärmeplanungsgesetz des Bundes sowie die Brandenburgische Wärmeplanungsverordnung.

Ziel des Plans ist es, eine strategische Orientierung zu bieten, wie die Stadt bis zum Zieljahr 2045 schrittweise von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien und unvermeidbare Abwärme umgestellt werden kann. Doch ein genauer Blick in die Beschlussvorlage offenbart ein Spannungsfeld zwischen ambitionierten Klimazielen und dem Wunsch nach politischer und finanzieller Absicherung der Kommunalverwaltung.

Die in der Vorlage enthaltene Bestandsanalyse spricht eine klare Sprache und verdeutlicht die Dimension der vor uns liegenden Aufgabe. Der Gesamtwärmebedarf der Stadt Teltow beläuft sich auf rund 268,5 Gigawattstunden pro Jahr (GWh/a). Der Löwenanteil dieser Energie wird nach wie vor durch fossile Energieträger erzeugt:

  • Erdgas ist mit 49,0 % (131,5 GWh/a) die unangefochtene Nummer eins der Teltower Energieversorgung.
  • Das bestehende Wärmenetz (Fernwärme) deckt immerhin 29,1 % (78,2 GWh/a) ab.
  • Heizöl folgt an dritter Stelle mit 12,8 % (34,5 GWh/a).

Zukunftstechnologien wie Wärmepumpen machen aktuell gerade einmal 3,8 % (10,1 GWh/a) aus, während Biomasse (Holz) bei 4,1 % liegt. Strom, Flüssiggas und Kohle teilen sich den verschwindend geringen Rest. Um die Dekarbonisierung zu schaffen, muss der Erdgas- und Ölanteil in den nächsten knapp zwei Jahrzehnten auf null schrumpfen!

Das Herzstück des Wärmeplans ist eine digitale Gebietseinteilung, die das Stadtgebiet in drei Kategorien unterteilt und den Bürgern aufzeigen soll, wohin die Reise geht:

  1. Individualversorgung: In diesen Gebieten wird es absehbar kein kollektives Wärmenetz geben. Jeder Gebäudeeigentümer muss sich selbst um eine Lösung kümmern – im Regelfall dürfte dies auf den Einbau einer elektrischen Wärmepumpe hinauslaufen.
  2. Wärmenetzbestands- und Ausbaugebiete: Hier liegt bereits Fernwärme oder sie soll in den kommenden Jahren schrittweise (in 5-Jahresschritten dargestellt) ausgebaut werden. Für die Transformation des Erzeugerparks hin zu grüner Energie ist die Fernwärme Teltow verantwortlich.
  3. Prüfgebiete: In diesen Stadtteilen ist die Zukunft noch völlig offen. Hier wird geprüft, ob Quartierslösungen oder ein Fernwärmeausbau wirtschaftlich und technisch sinnvoll realisiert werden können.

Trotz des immensen Arbeitsaufwands, der in dem Bericht steckt, bietet die Beschlussvorlage erhebliche Angriffsflächen für Kritiker aus verschiedenen politischen Lagern sowie für Verbraucherschützer.

  • Keine rechtliche Bindung und fehlende Garantien: Der Beschluss stellt explizit klar, dass es sich um eine „informelle strategische Fachplanung“ handelt. Sie entfaltet keine rechtliche Außenwirkung und begründet weder einen Anspruch auf einen Fernwärmeanschluss noch eine Pflicht dazu. Für Bürger, die auf Planungssicherheit hoffen, bleibt das Dokument damit unverbindlich. Wer in einem Ausbaugebiet wohnt, kann sich nicht darauf verlassen, dass die Leitung auch tatsächlich rechtzeitig verlegt wird.
  • Hängepartie für die „Prüfgebiete“: Besonders unbefriedigend ist die Situation für Eigentümer in den ausgewiesenen Prüfgebieten. Zum aktuellen Zeitpunkt ist laut Vorlage völlig unklar, ob kollektive Netze dort jemals wirtschaftlich oder finanzierbar sein werden. Bürger in diesen Zonen stehen vor einem Dilemma: Warten sie ab, riskieren sie bei einem Heizungsausfall Zeitnot; investieren sie voreilig in eine teure Individualheizung, war das Geld eventuell fehlinvestiert, falls doch noch ein günstiges Netz kommt.
  • Die Sanierungsrate – Ein Tropfen auf dem heißen Stein: Der Plan stellt fest, dass eine jährliche Sanierungsrate von 1 % erforderlich ist, um nennenswerte Energieeinsparungen zu erzielen. Klimaexperten bemängeln diese Zahl seit langem als viel zu niedrig. Bei einer Rate von einem Prozent würde es rein rechnerisch 100 Jahre dauern, den Gebäudebestand in Teltow zu energetisch zu modernisieren – für das Zieljahr 2045 viel zu langsam.
  • Finanzierungsvorbehalt schiebt Probleme auf: Der Beschluss kostet die Stadt Teltow im ersten Schritt kein Geld, da er keine unmittelbaren Investitionsverpflichtungen begründet. Jede konkrete Maßnahme muss in zukünftigen Haushalten separat verhandelt, finanziert und von der SVV beschlossen werden. Kritiker könnten hierin eine reine Absichtserklärung sehen. Sobald die Haushaltslage der Stadt knapper wird, drohen die ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen als „freiwillige Aufgaben“ hintenüberzufallen.

Die politische Beratung beginnt am 28. September 2026 im Hauptausschuss, bevor die Stadtverordneten zwei Tage später final entscheiden. Wird der Plan beschlossen, ist die Verwaltung beauftragt, den Wärmeplan im Internet zu veröffentlichen und die Umsetzung mit den Nachbargemeinden sowie den Wohnungsbau- und Energieunternehmen zu koordinieren. Spätestens nach fünf Jahren muss das Zahlenwerk überprüft und fortgeschrieben werden. Ob der Plan bis dahin als echter Motor der Teltower Energiewende taugt oder als bürokratische Pflichtübung in den digitalen Schubladen verstaubt, wird sich an der tatsächlichen Umsetzungsgeschwindigkeit der ersten konkreten Projekte messen lassen müssen.

PM/Kü

Bild: Symbolbild  (Foto Pixabay)

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