Erst heiß begehrt, heute fallengelassen
Das leise Sterben der Kindertagespflege
Von Rettern in der Not zu überflüssigen Einzelkämpfern: Der drastische Geburtenrückgang und die leeren Stühle in Brandenburgs Gemeinden treffen Tagesmütter existentiell.
REGION. Vor drei Jahren stand das Telefon von Sabine M. * (Name geändert) kaum noch still. Eltern flehten förmlich um einen Betreuungsplatz, weinten am Hörer, weil die Kitas in der Region hoffnungslos überlastet waren. Sabine M. war damals die Rettung für fünf Familien. Heute sitzt die staatlich anerkannte Tagesmutter in einem fast schon schmerzhaft stillen Spielzimmer in einer märkischen Gemeinde. Die bunten Holzbausteine sind ordentlich sortiert, die kleinen Kuschelecken verwaist. Vor wenigen Wochen musste sie ihr Gewerbe offiziell abmelden.
„Meine letzten beiden Tageskinder wurden mitten unterm Jahr in der großen Kita der Gemeinde angemeldet“, erzählt die 52-Jährige mit brüchiger Stimme. Und das nicht, weil die Eltern unzufrieden waren. „Die Gemeinde hat schlichtweg selbst zu wenig Kinder und muss ihre eigenen Gruppen und Einrichtungen vollbekommen. Da bleibt für freie Tagespflegepersonen kein Platz mehr übrig.“ Sabine M. ist deprimiert, fühlt sich wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen. Erst wurde sie dringend gebraucht, jetzt fallen gelassen. Ein Einzelschicksal? Keineswegs. In ihrer Nachbargemeinde sieht es ähnlich aus. Überall im Land stehen Tagesmütter vor dem Aus.
Der demografische Knick schlägt voll durch
Was im Alltag wie ein persönliches Drama wirkt, ist der bittere Ausdruck einer harten statistischen Realität in Brandenburg. Die Region leidet unter einem beispiellosen Geburtenknick. Nach Angaben des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg sank die Zahl der Geburten im Land auf 14.400– ein drastischer Tiefstand, der an die unsicheren Nachwendejahre Mitte der 1990er-Erinnerungen wachruft.
Dieser Mangel an Babys erreicht nun zeitversetzt und mit voller Wucht das Betreuungssystem. Laut den aktuellen amtlichen Erhebungen für die Hauptstadtregion wurden in Brandenburg zuletzt 1,4 Prozent weniger Kinder betreut als noch im Vorjahr. Weil zeitgleich jedoch durch frühere Ausbauprogramme die Anzahl der regulären Kita-Plätze um rund ein Prozent stieg, entsteht eine Schere, die den Tageseltern die wirtschaftliche Grundlage entzieht.
Ein Kahlschlag in der Tagespflege
Der Verband für Kindertagespflege in Brandenburg warnt bereits seit Längerem vor einem „leichten Sterben“ der Branche. Wenn Plätze knapp sind, wählen Kommunen den Schutz ihrer eigenen Infrastruktur. Kitas finanzieren sich oft über Pauschalen pro Kind – fehlen dort die Kinder, fehlen den Betreibern die Gelder. Die Folge: Kommunen besetzen bevorzugt die eigenen Einrichtungen und vermitteln kaum noch unter Dreijährige an selbstständige Tagesmütter weiter.
Die nackten Zahlen des Statistischen Landesamtes untermauern das eindrücklich:
- Innerhalb kürzester Zeit brach die Anzahl der von Tagesmüttern und -vätern betreuten Kinder in Brandenburg um 16 Prozent ein.
- Die Zahl der aktiv gemeldeten Tageseltern sank rasant von ehemals 663 auf nur noch 559 Personen. Seit 2019 hat sich die Zahl fast halbiert.
- Die Politik schlägt bereits Alarm: Die Opposition im Landtag nannte den rasanten Schwund der Tageseltern ein fatales „Warnsignal“ an das Bildungsministerium.
Kein gutes Zeichen für die Kommunen
Für die Gemeinden im Brandenburger Umland und den ländlichen Regionen ist diese Entwicklung langfristig kein gutes Zeichen. Die Kindertagespflege galt stets als flexibler Puffer für familiäre, kleine Betreuungsgruppen – ein Standortvorteil im Wettbewerb um junge Zuzügler.
Ist diese Struktur erst einmal zerschlagen, lässt sie sich so schnell nicht wieder aufbauen. Sabine M. packt derweil die Kisten. Die Bauklötze spendet sie einer gemeinnützigen Einrichtung. „Wir waren gut genug, um die Löcher im System zu stopfen“, sagt sie zum Abschied. „Jetzt, wo das System schrumpft, sind wir die Ersten, die unsichtbar werden.“
PM/Kü
Bild: Symbolbild (Foto Pixabay)


