Sparen bei Familienzentren
Ein Kommentar
Der Rotstift regiert in Potsdam-Mittelmark, und die Debatte um die Kürzungen bei den Familienzentren zeigt das klassische Dilemma einer hochgradig verschuldeten Kommunalpolitik. Rund 30.000 Unterschriften gegen die Sparpläne des Landkreises unterstreichen den emotionalen und gesellschaftlichen Wert dieser Einrichtungen. Doch die Realität lässt sich nicht wegdemonstrieren: Wenn die Kassen leer sind, löst ein Einknicken des Kreises die strukturellen Geldprobleme nicht in Luft auf. Wer an einer Stelle Ausgaben blockiert, muss unweigerlich an anderer Stelle schmerzhafte Einschnitte vornehmen oder die Kreisumlage für die ohnehin finanziell belasteten Kommunen weiter erhöhen.
Ein nüchterner Blick auf die Zahlen offenbart zudem ein Luxusproblem bei der Versorgungsdichte. Potsdam-Mittelmark leistet sich derzeit 20 Familienzentren für rund 220.000 Einwohner. Das bedeutet rechnerisch ein Zentrum pro 11.000 Einwohner. Im bundesweiten Vergleich oder selbst im landesinternen Maßstab ist das eine außergewöhnlich hohe Dichte. In vielen anderen Landkreisen und Ballungsräumen versorgt ein einzelnes Familienzentrum oft Einzugsgebiete von 25.000 bis zu 50.000 Einwohnern. Nahezu jede der 19 Gemeinden im Kreis mit einer eigenen, vollfinanzierten Struktur auszustatten, war in Zeiten voller Kassen ein vorbildlicher Standard – in der aktuellen Finanzkrise der Landkreise erweist sich dieses Modell schlicht als finanziell nicht mehr tragbar.
Entgegen der oft dramatischen Rhetorik des Protests bedeutet das Sparpaket der Kreisverwaltung unter Landrat Marko Köhler (SPD) jedoch keineswegs das pauschale Aus für die soziale Arbeit. Das Angebot wird nicht vollkommen wegfallen, sondern im Kern zeitlich und personell verringert:
- Reduzierung der Fachkraftstunden: Das Budget soll um rund 40 Prozent von 1,277 Millionen Euro auf 777.100 Euro schrumpfen. Dies führt zu einer Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeiten des Personals.
- Kürzung der Öffnungszeiten
Am konkreten Beispiel des stark frequentierten Familienzentrums in Werder (Havel) zeigt sich die Dynamik: Hier sollen die Betreuungs- und Beratungsstunden von derzeit 80 Wochenstunden auf 25 Stunden herabgestuft werden. Statt bisher drei Mitarbeitern bleibt dann noch eine Fachkraft übrig.
- Rückzug auf Kernaufgaben: Ähnliche Einschnitte von 40 auf 25 Stunden betreffen Zentren wie in Beelitz oder Stahnsdorf. Die Folge ist kein Kahlschlag, sondern eine Konzentration auf Kernsprechzeiten und niedrigschwellige Basisberatungen anstelle eines permanenten, breiten Kurs- und Freizeitprogramms.
Die bittere Wahrheit kommunaler Haushaltskonsolidierung bleibt: Politik besteht aus dem Setzen von Prioritäten unter Mangelbedingungen. Die Familienzentren leisten wertvolle Arbeit, doch ein „Weiter so“ auf Pump gefährdet die Handlungsfähigkeit des gesamten Landkreises. Ein Kompromiss, wie er derzeit durch die SPD-Kreistagsfraktion mit einer Abmilderung der Kürzungen diskutiert wird, schont zwar die Nerven der Kommunalpolitiker, verschiebt das grundlegende Defizit aber nur auf das nächste Haushaltsjahr.Es gilt, der finanziellen Wahrheit ins Gesicht zu sehen.
Herzlich
Christian Kümpel
Bild: Clab von oben (Foto Gemeinde Stahnsdorf)


