Streit um des Kaisers Bart
Namen für Straßen, die nicht kommen
STAHNSDORF. Große Namen für eine ungewisse Zukunft: Im Stahnsdorfer Bauausschuss wurde gestern heiß diskutiert. Auf der Tagesordnung stand die Benennung der zukünftigen Straßen im Neubaugebiet „Schmale Enden 2“. Wenn es nach den Plänen der Gemeindeverwaltung und des Bürgermeisters geht, sollten die Postboten hier bald Briefe in Straßen austragen, die nach internationalen Rockstars benannt sind.
Doch ob es so kommt, ist sehr fraglich. Die Mitglieder des Bauausschusses erteilten der Rockstar-Vorlage eine klare Absage. Die Begründung: Ein Bezug zwischen internationalen Pop-Größen und Stahnsdorf sei beim besten Willen nicht zu erkennen. Stattdessen forderte der Ausschuss mehr Regionalität und den Fokus auf deutsche Künstler. Ein Antrag der CDU/FDP Fraktion setzte dem Ganzen schließlich die Krone auf: Nun soll der lokale Heimatverein beauftragt werden, einen Pool von historisch mit Stahnsdorf verbundenen Namen zu stiften. Bürgermeister Bernd Albers möchte dennoch an seinem Antrag festhalten. Denn abschließend entschieden wird in der Gemeindevertretung.
Dabei drängt sich die Frage auf, ob in Stahnsdorf nicht gerade vehement um „des Kaisers Bart“ gestritten wird. Denn während die Politik über Straßennamen debattiert, droht das gesamte Bauprojekt hinter den Kulissen zu kollabieren.
Der Knackpunkt liegt in einer offiziellen Stellungnahme der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA), die das betroffene Grundstück vermarktet. Die BIMA warnt die Gemeinde unmissverständlich: Unter den jetzigen Bedingungen wird sich schlicht kein Investor für das Areal finden. Die Verwaltung verlangt nämlich, dass in den geplanten Mehrfamilienhäusern (Gebiet WA 2) zu 100 Prozent sozialer Wohnungsbau entsteht.
Aus Sicht der BIMA ist das weder realistisch noch wirtschaftlich darstellbar. Hohe Anfangsinvestitionen stünden hier viel zu niedrigen Mieteinnahmen gegenüber. Die Bundesanstalt schlug deshalb einen Kompromiss vor: Den Anteil an Sozialwohnungen auf 30 Prozent zu begrenzen und den Rest als frei finanzierte Marktwohnungen zuzulassen, um das finanzielle Defizit aufzufangen. Alternativ müsste die Gemeinde das Land selbst kaufen und auf eigene Kappe bauen.
Die Reaktion der Gemeinde Stahnsdorf? Ein klares „Weiter so“. Die offizielle Beschlussempfehlung lautet: Die Stellungnahme bewirkt keine Planänderung.
Die Gemeinde argumentiert mit Zahlen: Jährlich werden in Stahnsdorf rund 100 Wohnberechtigungsscheine ausgestellt, der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum ist riesig. Mit den geplanten 12.700 Quadratmetern Nettogeschossfläche im Plangebiet könnte der Bedarf von zwei ganzen Jahren auf einen Schlag gedeckt werden. Da die BIMA fast alle Grundstücke im gesamten Gebiet besitzt, solle sie den Verlust beim sozialen Wohnungsbau durch den Gewinn beim Verkauf der anderen Flächen (etwa für Einfamilienhäuser) querfinanzieren. Laut Baugesetzbuch habe das Wohnbedürfnis der Bevölkerung Vorrang vor den wirtschaftlichen Interessen einer Eigentümerin.
Das Ergebnis der gestrigen Ausschusssitzung hinterlässt also einen fatalen Eindruck: Stahnsdorf sucht nach historisch wertvollen Namen für Straßen, die in absehbarer Zeit vermutlich niemals asphaltiert werden. Denn ohne privaten Investor oder Millionen aus der Gemeindekasse bleiben die „Schmalen Enden 2“ das, was sie aktuell sind: eine reine Reißbrett-Fantasie.
Und – so wird vermutet – so richtig scharf darauf, dass gebaut wird, ist man in Stahnsdorf vielleicht auch nicht. Dennoch war der Namensstreit nicht umsonst. Die Idee des Bürgermeisters, die Straßen nach internationalen Rockstars zu benennen hat zumindest dazu geführt, dass in ganz Deutschland über das Thema berichtet wurde. Unter dem Gesichtspunkt Stadtmarketing keine kleine Leistung.
Kü
Bild: Fläche Schmale Enden 2 (Foto Kü)


