Sachpolitik vs. Parteibuch
Bröckelt die Brandmauer beim Stahnsdorfer S-Bahn-Ausgleich?
STAHNSDORF. In der Kommunalpolitik steht eigentlich das Wohl der eigenen Gemeinde im Vordergrund. Sachlichkeit soll vor Ideologie gehen. Doch ein neuer Antrag der AfD-Fraktion zur Umgestaltung des Grünen Wegs stellt die Gemeindevertretung vermutlich vor eine Zerreißprobe. Er wirft eine brisante Frage auf: Wird ein ökologisch und finanziell sinnvoller Vorschlag nur deshalb abgelehnt, weil er von der falschen Partei kommt? Oder wackelt hier ein Stück weit die viel diskutierte „Brandmauer“?
Der Antrag: Vernunft im Grünen Weg
Inhaltlich greift die Beschlussvorlage ein Thema auf, das in Zeiten des Klimawandels parteiübergreifend Konsens sein müsste: Entsiegelung und Naturschutz. Konkret geht es um das bereits entwidmete Teilstück des Grünen Wegs zwischen dem Enzianweg und dem Postverteilzentrum. Die Straße hat keine Verkehrsfunktion mehr, ist aber komplett asphaltiert.
Die AfD-Fraktion beantragt, diese Fläche als potenzielle Entsiegelungs- und Ausgleichsfläche für das Großprojekt S-Bahnbau vorzumerken. Die Verwaltung soll beauftragt werden, dies in die Verhandlungen mit den Vorhabenträgern einzubringen. Die Argumente der Vorlage klingen plausibel und decken sich mit moderner Stadtplanung:
- Ökologischer Nutzen: Asphalt weicht Grünfläche, was das Mikroklima verbessert und die Biodiversität fördert.
- Kosteneffizienz: Da die Fläche der Gemeinde gehört, spart Stahnsdorf teure Zukäufe oder Kompensationszahlungen für den S-Bahn-Ausbau.
- Nachhaltigkeit: Eine grüne Schneise direkt neben einem Logistikzentrum mindert die dortige Bodenversiegelung.
- Planungssicherheit: Die frühzeitige Verankerung im Planfeststellungsverfahren schafft klare Verhältnisse.
Das Dilemma der anderen Fraktionen
Aus rein fachlicher Sicht gibt es kaum Argumente gegen dieses Vorhaben. Das Bundesnaturschutzgesetz fordert bei solchen Großprojekten ohnehin strenge Ausgleichsmaßnahmen. Die Gemeinde würde hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Eine ungenutzte Asphaltwüste verschwindet, und die Gemeinde spart Geld.
Hier beginnt jedoch das politische Dilemma. Die etablierten Parteien haben sich das Prinzip der „Brandmauer“ auferlegt. Anträge der AfD werden oft pauschal abgelehnt, um jegliche Normalisierung oder Kooperation zu vermeiden.
Ideologie oder Bürgerwille?
Sollte die Gemeindevertretung diesen Antrag ablehnen, müsste sie den Bürgern erklären, warum eine sachlich richtige und geldfressende Blockade im Interesse Stahnsdorfs liegt. Stimmen die anderen Fraktionen jedoch zu, wäre dies ein Eingeständnis, dass die AfD hier im Sinne der Gemeinde agiert hat. Das wiederum könnte als Riss in der Brandmauer gewertet werden.
Die anstehende Debatte wird zeigen, wie viel Pragmatismus in der Stahnsdorfer Kommunalpolitik noch steckt. Es geht um die Frage, ob das Parteibuch schwerer wiegt als der gesunde Menschenverstand und der Klimaschutz vor Ort. Am 09.06.2026 wird darüber in der Gemeindevertretung entschieden.
Kü
Bild: Symbolbild (Foto Pixabay)


