Unter den Zug gekommen
Stahnsdorf wird bluten
STAHNSDORF. In der gestrigen Sitzung des gemeinsamen S-Bahnausschusses Teltow/Stahnsdorf wurden keine Beschlüsse gefasst. Das Treffen sollte eher eine atmosphärische Wohlfühl-Aktion werden; das Codewort des Abends war „gemeinsam“. Doch dann wurde auf recht unvermittelte Art die entscheidende Frage gestellt: Ist Teltow überhaupt bereit, für den Bahnhof an der Iserstraße zu bezahlen? Immerhin bindet er das Teltower Flußviertel an.
Aus Stahnsdorfer Sicht ist dieser Halt nämlich eigentlich nicht nötig, sondern vielmehr eine Teltower Angelegenheit. Dass er überhaupt auf Stahnsdorfer Grund – in Höhe der Biomalzspange – liegen wird, ist lediglich den baulichen Gegebenheiten der Trassenführung geschuldet. Die Vertreter aus Teltow machten jedoch deutlich, dass ihnen die Stahnsdorfer Perspektive wenig sagt. Ihre Argumente: Teltow habe bereits einen Bahnhof und brauche den Haltepunkt Iserstraße nicht. Da dieser zudem das Stahnsdorfer Gewerbegebiet anbinde, profitiere ohnehin eher Stahnsdorf. Für Teltow blieben lediglich der Lärm und die Zerstörung der Buschwiesen. Übersetzt heißt das: Stahnsdorf soll das finanziell alleine stemmen. Angesichts der angespannten Teltower Finanzen ist diese Haltung durchaus nachvollziehbar.
Natürlich, so versicherten die beiden Bürgermeister, Andre Freymuth (Teltow) und Bernd Albers (Stahnsdorf), offiziell im Gespräch zu bleiben – etwa über einen Gebietstausch, der jedoch kaum zustande kommen dürfte, sofern Teltow nicht völlig den Verstand verloren hat. So demonstrierte man während der Sitzung Harmonie, obwohl die Interessen extrem divergieren. Vielleicht gibt es am Ende tatsächlich ein wenig „Kosmetik“ in Form von Parkplätzen auf Teltower Seite, aber im Wesentlichen steht nun fest: Stahnsdorf muss zwei Haltepunkte allein beplanen und bezahlen. Teltows Bürgermeister kann keine Politik gegen seine eigene Stadt machen, und die Stadtverordneten erst recht nicht.
Damit rückt die Zeitfrage ins Zentrum. Wenn der erste Zug 2032 einfahren soll, hat Stahnsdorf nur noch sechs Jahre Zeit, das Bahnhofsumfeld an der Iserstraße/Biomalzspange zu beplanen und zu bauen. Die Gemeinde kann dieses Areal nämlich nicht sich selbst überlassen. Es ist vielmehr für die Gestaltung und Finanzierung der ÖPNV-Schnittstellen auf ihrem Gebiet verantwortlich. Ohne Teltower Mitfinanzierung muss Stahnsdorf nun entscheiden, in welchem Umfang die Erschließung realisiert wird.
Das absolute Minimum – Haltebuchten für Busse, ein Vorplatz sowie Parkplätze für Fahrräder (B+R) und Autos (P+R) – würde bereits ein stattliches Sümmchen kosten. Allein eine einzige Busspur schlägt mit circa 80.000 Euro zu Buche. Doch das sind vermutlich Peanuts im Vergleich zum Grunderwerb, der nötig ist. Das Gelände gehört dem DIN (Deutsches Institut für Normung e. V.), einem privatwirtschaftlich organisierten, gemeinnützigen Verein mit Sitz in Berlin. Diesem gehört an dieser Stelle das Gewerbegebiet, auf dem der Bahnhof und der Vorplatz entstehen sollen.
Manche spekulieren nun auf eine Enteignung, um an den Grund und Boden zu kommen. Doch hier beginnen die Probleme: Solche Verfahren sind langwierig – Zeit, die die Gemeinde nicht hat. Zudem entkommt Stahnsdorf der Entschädigungspflicht nicht: Mindestens 140 Euro pro Quadratmeter (Bodenrichtwert für Gewerbeland) müssten gezahlt werden, da sich die Entschädigung zwingend am Verkehrswert orientiert. Da die Gemeinde unter Zeitdruck handelt, könnte das DIN den Preis sogar noch weiter nach oben treiben. Der Appel an Gemeinsinn wird da vermutlich wenig nützen.
Doch es gibt auch gute Nachrichten. Es gibt finanzielle Mittel – Bushaltestellen, P+R-Plätze und Barrierefreiheit werden oft zu 75 % gefördert, Planungskosten mit etwa 15 %. Doch beim Flächenankauf sieht es mau aus. Da bleibt Stahnsdorf auf den Kosten sitzen. Manche Beobachter finden es zwar gut, dass Stahnsdorf den Haltepunkt nun ohne große Rücksicht auf Teltower Befindlichkeiten nun nach eigenen Vorstellungen gestalten kann, da Teltow „raus“ ist. Aber wie Stahnsdorf die finanziellen Lasten stemmen will, bleibt eine spannende Frage.
Kü
Bild: Symbolbild (Foto: Pixabay)


