Gedanken zum 9. Mai
Ein Kommentar
Wieder einmal wird der 8./9. Mai begangen. Er soll daran erinnern, dass vor 81 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa endete – ein von Deutschland entfesselter Krieg, der mindestens 55 Millionen Menschenleben forderte. In der Region werden Kränze niedergelegt und Reden gehalten. Sie bringen kaum neue Erkenntnisse und sie wirken ritualisiert.
Heute gilt der Tag der deutschen Kapitulation fast flächendeckend als ‚Tag der Befreiung‘. Doch das ist nur ein Ausschnitt der historischen Realität. Ursprünglich markierte der 8./9. Mai speziell die Kapitulation der Wehrmacht gegenüber der Sowjetunion, nachdem im Westen bereits zwei Tage zuvor die Waffen schwiegen. In der DDR war er als ‚Tag der Befreiung‘ staatlich verordnet; im Westen hingegen wurde er lange Zeit als Tag der Niederlage und des schmerzhaften Verlustes empfunden. Inzwischen scheint vergessen, dass Gebiete wie Schlesien, Ostbrandenburg, Ostpreußen und Pommern einst zu Deutschland gehörten. Es interessiert niemanden mehr. Denn die Vertriebenen sind tot oder sehr alt.
Es ist bemerkenswert, wie sehr sich das Narrativ der ‚Befreiung‘ in den Köpfen festgesetzt hat. Doch noch auffälliger ist die wachsende Gleichgültigkeit gegenüber er fernen Vergangenheit: Wen interessiert das heute noch wirklich, was damals passierte und wie man es beurteilen soll? Die Geschichte verblasst. Die heutige Jugend kann mit diesem Datum kaum noch etwas anfangen, und für Kinder mit Migrationshintergrund, immerhin numerisch fast eine Mehrheit in Deutschland, besitzt es oft keinerlei persönlichen Bezug. Die emotionale Bindung schwindet; die Zeitzeugen, die das Ende noch selbst erlebten, sind verstorben oder hochbetagt.
Man wird wohl noch eine Weile an diesem Tag festhalten, um ihn für die Gegenwart irgendwie politisch oder pädagogisch nutzbar zu machen – allerdings mit schwindendem Erfolg. Das Gedenken ist zu einer leeren Liturgie erstarrt, die zwar rituell vollzogen wird, aber niemanden mehr wirklich aufrüttelt. Denn was gestern noch ganze Generationen emotional zerriss, wird bald nur noch mit Achselzucken betrachtet. Das ist es vielleicht, was traurig stimmt: Es ist das unerbittliche Gesetz der Geschichte, dass jedes Pathos früher oder später der Gleichgültigkeit der Zeit erliegt. Was den 8./9. Mai betrifft, so scheint es so gekommen zu sein.
Herzlich
Christian Kümpel


