Tauziehen an der Iserstraße

Warum Teltow und Stahnsdorf um den neuen S-Bahnhof feilschen

STAHNSDORF / TELTOW.  Es klingt nach einem normalen Verwaltungsvorgang: „Beschluss B-25/097 zur Prüfung eines Flächentausches“. Doch hinter diesem Aktenzeichen verbirgt sich politischer Zündstoff für die Stadt Teltow und die Gemeinde Stahnsdorf. Seit April 2026 saßen die Bürgermeister und Planer bereits mehrfach zusammen, um über Grundstücke im Bereich des zukünftigen S-Bahnhaltepunktes „Iserstraße“ zu verhandeln. Spätestens seit einer hitzigen, nichtöffentlichen Sitzung der Teltower Stadtverordnetenversammlung Ende September ist klar: Das Projekt ist zwar eine logische Notwendigkeit, birgt aber erheblichen Diskussionsstoff.

Auf den ersten Blick steht Teltow vor einer paradoxen Situation. Die Stadt besitzt mit dem Endhaltepunkt „Teltow Stadt“ bereits einen erfolgreichen S-Bahn-Anschluss. Die geplante Verlängerung der S25 dient primär dazu, Stahnsdorf endlich an das Berliner Netz anzubinden. Warum also sollte Teltow nun Flächen an der Iserstraße von Stahnsdorf eintauschen, um das dortige Bahnhofsumfeld selbst zu gestalten? Kritiker in den Teltower Gremien fragen zu Recht: Binden wir uns hier ohne Not ein teures Infrastrukturprojekt ans Bein?

Die Antwort der Planer liegt im reinen Selbstschutz. Zwar werden die Schienen und Bahnsteige komplett von den Ländern Berlin und Brandenburg sowie der Deutschen Bahn im Zuge des Großprojekts „i2030“ finanziert – Teltow zahlt also keinen Cent für den eigentlichen Bahnhof. Doch das Umfeld hat es in sich: Wo entstehen die Park-and-Ride-Plätze? Wie werden die Busse geführt? Wo parken Fahrräder?

Da die Iserstraße genau die Grenze zwischen den beiden Kommunen bildet, liegt der geplante Bahnhof geografisch in einer Zwickmühle. Würde Teltow die Hände in den Schoß legen, droht den angrenzenden Wohngebieten im Teltower Flussviertel ein massives Verkehrschaos. Pendler aus dem Umland würden die Wohnstraßen auf Teltower Seite als kostenlose Parkplätze zweckentfremden. Durch den Flächentausch will Teltow die volle Gestaltungshoheit über das Bahnhofsumfeld erlangen. Nur so kann die Stadt den zu erwartenden Pendlerverkehr aktiv lenken, geordnete Parkflächen schaffen und die eigenen Bürger vor Lärm und Wildparkern schützen. Zudem profitiert der Teltower Westen so von einer sauberen, sicheren Anbindung an den neuen Halt.

In der kommunalpolitischen Gerüchteküche wurde bereits gemutmaßt, Stahnsdorf sitze am längeren Hebel und könne Teltow erpressen: „Wir bauen dort nur ein Minibahnhofsumfeld, und ihr seht zu, wie ihr mit den Folgen klarkommt.“

Doch dieses Szenario entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Bumerang für Stahnsdorf. Ein unkontrolliertes Verkehrschaos würde als Erstes das direkt westlich der Iserstraße angrenzende Stahnsdorfer Gewerbegebiet (unter anderem den „Green Park“) lahmlegen – eine wirtschaftliche Perle der Gemeinde, die man tunlichst schützen will. Zudem setzt das gesetzliche Planfeststellungsverfahren für die S-Bahn-Verlängerung funktionierende Verkehrskonzepte voraus. Ein bewusst mangelhaft geplanter Bahnhof würde von den Genehmigungsbehörden schlicht gestoppt. Damit würde Stahnsdorf sein eigenes Jahrhundertprojekt – die S-Bahn in der eigenen Ortsmitte – riskieren.

Für Stahnsdorf wäre Flächentausch daher ein Segen: Die Gemeinde wird die Millionenlast und den Planungsaufwand für das ungeliebte „Randprojekt“ Iserstraße elegant los und kann sich voll auf ihren neuen Endbahnhof an der Sputendorfer Straße konzentrieren.

Trotz der klaren Win-Win-Situation ist der Deal noch nicht in trockenen Tüchern. In Teltow sind noch viele Fragen offen: Welche konkreten Flächen werden im Gegenzug an Stahnsdorf abgegeben? Wie sieht der exakte Gebietsänderungsvertrag aus? Um die Bedenken der Teltower Stadtverordneten zu entkräften, plant Teltows Bürgermeister nun den Erlass eines allgemeinen Grundsatz- und Prüfbeschlusses. Dieser soll der Verwaltung das offizielle Mandat geben, die wirtschaftlichen und rechtlichen Risiken auf Herz und Nieren zu prüfen.

Die Ampeln für den Flächentausch stehen auf Gelb – doch bis die Teltower Politik endgültig zustimmt, müssen die Verwaltungen beider Orte noch präzise Detailarbeit leisten.

PM/Kü

Bild: Symbolbild  (Foto Pixabay)

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