Kirchenaustritte und schwindende Privilegien

Kirchenaustritte und schwindende Privilegien

TELTOW/ KLEINMACHNOW / STAHNSDORF.  Die Fassaden der Andreas-Kirche in Teltow oder der Dorfkirche in Kleinmachnow wirken solide, doch das Fundament bröckelt. Während die christlichen Kirchen in der TKS-Region lange von der wohlhabenden Zuzugsdynamik des Speckgürtels profitierten, schlägt nun auch hier die Realität der Säkularisierung voll durch. Die Frage ist nicht mehr, ob die Kirchen an Bedeutung verlieren, sondern wie lange sie ihren Sonderstatus noch rechtfertigen können.

Erosion im Speckgürtel

Trotz der stabilen demografischen Lage in Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf ist der Trend eindeutig: Die Mitgliederzahlen im Erzbistum Berlin und der Landeskirche EKBO sinken kontinuierlich. In Brandenburg bekennen sich nur noch rund 18 % der Menschen zu einer der beiden großen Konfessionen.

Kritiker werfen den Gemeinden vor, den Kontakt zur Lebensrealität der Mehrheitsgesellschaft verloren zu haben. In einer Region, die sich modern und wissenschaftsorientiert gibt, wirken kirchliche Dogmen, wie zum Beispiel der Erbsünde, oft wie Relikte aus einer anderen Zeit. Doch auch steile Thesen aus der Kirche, wie Gott wäre queer, stoßen nicht bei allen auf Gegenliebe und führen zu Austritten. Der „Puffereffekt“ durch wohlhabende Neubürger lässt ebenfalls nach; die Austrittszahlen bleiben auf einem Niveau, das die Kirchen langfristig in die Bedeutungslosigkeit zu führen droht. Nicht verschwiegen werden sollte auch, dass insbesondere die katholische Kirche in viele Missbrauchsskandale verstrickt ist.

Das Ende der finanziellen Sonderrolle?

Besondere Brisanz gewinnt die Debatte durch die bundespolitische Forderung, die sogenannten Staatsleistungen endgültig zu streichen. Vor allem die AfD drängt massiv darauf, die historischen Entschädigungszahlungen, die seit über 200 Jahren aus Steuermitteln fließen, zu beenden. Der deutsche Staat zahlt nämlich jährlich über 500 Millionen Euro an sogenannte Staatsleistungen an die evangelische und katholische Kirche. Diese Zahlungen dienen als Entschädigung für historische Enteignungen von Kirchengütern Anfang des 19. Jahrhunderts.

Ein weiteres Privileg ist die Kirchensteuer. Sollte diese Geldhähne zugedreht werden, stünden die Kirchen vor einem radikalen Strukturwandel. Ohne die staatlichen Millionen und bei gleichzeitig ausbleibender Kirchensteuer müssten sie sich rein privat finanzieren. Die Konsequenz: Der rechtliche und finanzielle Status der großen christlichen Amtskirchen würde sich dem von Moscheevereinen oder anderen kleineren Religionsgemeinschaften angleichen. Das jahrzehntelange Privileg, als Körperschaft des öffentlichen Rechts staatlich alimentiert zu werden, stünde vor dem Aus.

Ein Geschäftsmodell am Limit

Für die Gemeinden in TKS hätte dies drastische Folgen. Manch soziale Angebote, die oft als „kirchlich“ wahrgenommen, aber weitgehend vom Staat oder durch Nutzergebühren finanziert werden, könnten weiter betrieben werden. Die Kirchen müssten aber beweisen, ob sie ohne das staatliche Sicherheitsnetz und die automatischen Einzüge durch das Finanzamt überlebensfähig wären. In der Folge müssten Gemeinden zusammengelegt werden. Am Ende könnte es schon passieren, dass die eine oder andere Kirche verkauft werden muss. Wie die Nachnutzung aussehen könnte, das wäre dann eine spannende Frage. 

Bild: Kirche am Wannsee (Foto Kü)

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