Das Einheitsversprechen

Ein Kommentar

Versprechen muss man halten – eigentlich. Als Deutschland die Wiedervereinigung feierte, gab der Bund ein historisches Wort: Das Berliner Eisenbahnnetz sollte wieder auf den Stand vor dem Mauerbau von 1961 gebracht werden. Berlin und sein Umland sollten zusammenwachsen, nahtlos und auf der Schiene. Doch ein Blick auf die Landkarte rund um Stahnsdorf zeigt: Jahrzehnte später wartet die Region immer noch auf die Einlösung dieses Versprechens.

Während im Zentrum Berlins die Wunden der Teilung im Eiltempo geschlossen wurden, schaut das südliche Umland in die Röhre. Die historische Friedhofsbahn, die Stahnsdorf einst im 20-Minuten-Takt mit dem Bahnhof Wannsee verband, ist heute ein Symbol des Stillstands. Wo früher Züge rollten, wachsen heute Bäume. Die Gleise sind verrottet, die Brücke über den Teltowkanal ist längst abgerissen. Stahnsdorf ist kein verschlafenes Nest mehr, sondern eine dynamisch wachsende Gemeinde im Berliner Speckgürtel. Hunderte Pendler quälen sich jeden Morgen über verstopfte Straßen in die Hauptstadt, weil die politische Vision vor den Stadtgrenzen haltmacht.

Dass das historische Einheitsversprechen auch Jahrzehnte später noch auf sich warten lässt, liegt an einem lähmenden Geflecht aus bürokratischen Hürden, veränderten Prioritäten und finanziellen Fehleinschätzungen. Am konkreten Fall Stahnsdorf lässt sich das verkehrspolitische Dilemma wie im Brennglas beobachten:

  • Das Todesurteil für die Friedhofsbahn: Die ursprüngliche Zusage bezog sich auf den Wiederaufbau der historischen Friedhofsbahn nach Wannsee. Doch jahrzehntelang verhinderte das gesetzlich vorgeschriebene Nutzen-Kosten-Verhältnis (NKV) den Fortschritt. Weil die alte Strecke durch den heute bewaldeten, dünn besiedelten Bereich Dreilinden führt, stuften Gutachter sie als „unwirtschaftlich“ ein. Anstatt das Versprechen als politische Verpflichtung zu sehen, regierte der Rotstift. Erst als man umdachte und das Projekt stattdessen als Verlängerung der S25 von Teltow-Stadt konzipierte, stimmten die prognostizierten Fahrgastzahlen. Das bedeutete jedoch: Die Planungen mussten komplett bei Null beginnen.
  • Der deutsche Planungs-Marathon: In Deutschland baut niemand mal eben eine Schienenstrecke. Ein Großprojekt im Rahmen des Infrastrukturprojekts i2030 durchläuft einen jahrelangen Prozess. Allein die Vorplanung für die S25-Verlängerung dauerte Jahre und wurde erst vor Kurzem mit dem finalen Variantenentscheid (zweigleisiger Ausbau bis zur Sputendorfer Straße) abgeschlossen. Es folgen nun die Entwurfsplanung und das berüchtigte Planfeststellungsverfahren beim Eisenbahn-Bundesamt. Der Baubeginn ist erst für das Jahr 2031 avisiert. Vermutlich eher 2033. Zwischen Idee und dem ersten Spatenstich vergeht in der Praxis ein halbes Berufsleben.
  • Bürokratie durch Ländergrenzen: Schienenprojekte im Speckgürtel leiden chronisch unter dem Föderalismus. Da die Züge zwischen Berlin und Brandenburg pendeln, müssen sich stets zwei Landesregierungen, zwei Landeshaushalte, die Kommunen vor Ort (wie Teltow und Stahnsdorf) sowie die Deutsche Bahn koordinieren. Jeder Millimeter Schiene, jede ebenerdige Straßenquerung und jede Finanzierungsfrage muss in langwierigen Staatsverträgen festgezurrt werden.
  • Natur- und Anwohnerschutz: Wo jahrzehntelang keine Bahn fährt, holt sich die Natur den Raum zurück. Im geplanten Bahntrog und auf den Freiflächen in Stahnsdorf haben sich geschützte Arten angesiedelt, was aufwendige ökologische Ausgleichsmaßnahmen erfordert. Gleichzeitig regt sich vor Ort oft Widerstand von Anwohnern, die Lärmbelästigungen fürchten oder sich an den Eingriffen in das vertraute Stadtbild stören.

Weil jahrzehntelang gezögert, gerechnet und verschoben wurde, explodieren nun die Kosten. Was in den 1990er Jahren noch vergleichsweise günstig machbar gewesen wäre, ist heute ein hochkomplexes Millionenprojekt im dicht besiedelten Raum. Für Stahnsdorf bedeutet das: Das Versprechen steht zwar im Raum, aber vor dem Jahr 2034 wird realistischerweise kein einziger S-Bahn-Zug rollen.

Mobilität ist kein Luxus, sondern die Grundvoraussetzung für das Gelingen der Metropolregion Berlin-Brandenburg. Wenn der Bund ein Versprechen zur Deutschen Einheit abgibt, dann darf dieses nicht an den Landesgrenzen von Berlin enden. Die Bürger in Stahnsdorf haben ein Recht darauf, dass das historische Wort endlich eingelöst wird. Dazu bitte auch die Einladung von Thomas Ehrich lesen.

Herzlich

Christian Kümpel

 

Aktiv werden: Einladung zur S-Bahn-Trassenwanderung

Wer sich selbst ein Bild von den Planungen machen und den Druck auf die Politik hochhalten möchte, ist herzlich eingeladen, vor Ort aktiv zu werden:

Wir wollen mit euch am kommenden Samstag, den 10.10.2026, wieder eine S-Bahn-Trassenwanderung durchführen. Dieses Mal liegt der Schwerpunkt auf der Teltower Iserstraße.

  • Start: 11:00 Uhr an der Iserstraße / Ecke Buschweg.
  • Ablauf: Wir beginnen mit einer kurzen Einführung zu den aktuellen Planungen der Deutschen Bahn AG. Anschließend laufen wir gemeinsam einen Teil der zukünftigen PKW-Umfahrungsstrecke über die Biomalzspange bis zur Bremer Straße ab.
  • Ziel: Die Wanderung endet bei Selgros. Dort erwarten uns leckere kalte und warme Getränke sowie Kleinigkeiten zum Essen. Der neue Selgros-Standortleiter und S-Bahn-Unterstützer Marcel Müller wird uns gegen 13:00 Uhr offiziell empfangen.

Bitte meldet euch wie gewohnt über eine E-Mail an kontakt@prosbahnstahnsdorf.de an. Ich freue mich auf euer Kommen!

Herzlich

Thomas Ehrich

Pro S-Bahn e.V.

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