Stahnsdorf fordert „Projekt Weitblick“

Rückbau in Kleinmachnow für freie Sichtachsen gefordert

STAHNSDORF.  In einem beispiellosen Vorstoß zur Bewahrung der regionalen Identität sorgt der FDP-Ortsverband Stahnsdorf für politischen Zündstoff in der Region TKS (Teltow-Kleinmachnow-Stahnsdorf). Mit dem heute vorgestellten „Projekt Weitblick“ fordert die Partei eine radikale Korrektur der städtebaulichen Entwicklung an der Gemeindegrenze. Das Ziel: Die Nachbargemeinde Kleinmachnow soll bebaute Flächen in einem 800 Meter breiten Korridor zurückbauen, um Stahnsdorf seinen historischen Dorfcharakter und den freien Blick auf die märkische Feldmark zurückzugeben.

Über Jahrzehnte hinweg war das Verhältnis der Nachbargemeinden von Kooperation, aber auch von stetigem Siedlungsdruck geprägt. Doch nun schlägt die FDP in Stahnsdorf neue Töne an. Die zunehmende Verdichtung in Kleinmachnow habe dazu geführt, dass die Bewohner der Stahnsdorfer Randgebiete statt in die Weite der Natur oft nur noch auf die Rückwände von Garagen und dichte Zaunreihen blicken. Dies sei eine „massive Beeinträchtigung des dörflichen Lebensgefühls“, die sich mittlerweile auch negativ auf die lokalen Immobilienwerte auswirke.

„Freiheit braucht Sichtachsen“

Der Ortsvorsitzende Julian Regenthal-Patzak begründet die Initiative mit einem fundamentalen Recht der Bürger auf Horizont. „Freiheit beginnt im Kopf, aber sie braucht auch eine Sichtachse“, so Regenthal-Patzak in einer offiziellen Stellungnahme. Man könne nicht länger tatenlos zusehen, wie Stahnsdorf seinen namensgebenden Status als „Dorf“ verliere, während in der unmittelbaren Nachbarschaft jeder Quadratmeter versiegelt werde.

Das „Projekt Weitblick“ sieht daher nichts Geringeres als die Wiederherstellung der ursprünglichen Identität vor. „Wenn wir dafür ein paar Straßenzüge in Kleinmachnow renaturieren und wieder in saftige Weiden verwandeln müssen, dann ist das ein fairer Preis für die regionale Ästhetik“, erklärt der Ortsvorsitzende selbstbewusst. Wer „Weite säe“, werde am Ende „Lebensqualität ernten“.

Brandenburger Fleckvieh statt Versiegelung

Der Entwurf geht dabei über den bloßen Rückbau von Gebäuden und Straßen hinaus. Die FDP schlägt vor, die gewonnenen Flächen in Kleinmachnow ökologisch massiv aufzuwerten. Geplant ist die Ansiedlung von Brandenburger Fleckvieh. Diese Form der landwirtschaftlichen Nutzung soll nicht nur als natürliche Frischluftschneise fungieren, sondern den Bewohnern ein authentisches „Landlust“-Erlebnis direkt vor der Haustür bieten – eine ökologische Kompensation für die jahrzehntelange Urbanisierung.

Stimmen aus der Bevölkerung: „Endlich wieder Abendrot“

An der Heinrich-Zille-Straße, die direkt an der umstrittenen Grenze verläuft, stoßen die Pläne auf helle Begeisterung. Anwohner Karl-Friedrich M. (64), der seit dreißig Jahren in Stahnsdorf lebt, erinnert sich wehmütig: „Früher konnten wir von der Terrasse aus sehen, wie die Sonne über den Feldern untergeht. Heute sehe ich nur noch das Anthrazit des Nachbar-Carports und das Blinken der Alarmanlage gegenüber. Wenn dort bald wieder Kühe grasen, hole ich mir mein Fernglas aus dem Keller zurück.“

Auch die junge Mutter Sarah L., die kürzlich nach Stahnsdorf gezogen ist, unterstützt den Vorstoß: „Wir sind wegen der ländlichen Ruhe hierhergekommen. Dass Kleinmachnow uns jetzt buchstäblich die Sicht zustellt, empfinden wir als unfair. Ein 800-Meter-Korridor wäre genau das richtige Signal für eine nachhaltige Regionalplanung.“

Kleinmachnow reagiert mit „beachtlichem Erstaunen“

Aus dem Kleinmachnower Rathaus drangen bereits erste, eher verhaltene Töne nach draußen. Ein Sprecher der Verwaltung kommentierte das „Projekt Weitblick“ auf Anfrage mit „beachtlichem Erstaunen“. Man nehme die Sorgen der Nachbarn ernst, müsse aber darauf hinweisen, dass die betroffenen Gebiete in Kleinmachnow teils seit Generationen bewohnt seien und eine rechtlich bindende Flächennutzungsplanung zugrunde liege.

Dennoch gibt man sich in Stahnsdorf kämpferisch. Man erwarte eine „konstruktive und opferbereite“ Haltung des Nachbarn im Sinne einer guten, weitsichtigen Zusammenarbeit. „Es geht nicht gegen Kleinmachnow, sondern für die Ästhetik Brandenburgs“, betont Regenthal-Patzak.

Gespräche nach der Osterpause

Die politische Tragweite dieses Antrags ist enorm. Der FDP-Ortsverband kündigte an, das Thema unmittelbar in die nächste Sitzung der Gemeindevertretung einzubringen. Man wolle direkt nach der Osterpause die Gespräche mit der Verwaltung in Kleinmachnow suchen. Während in Stahnsdorf bereits über die genaue Platzierung der ersten Weidezäune spekuliert wird, bleibt abzuwarten, wie die Nachbargemeinde letztlich reagiert. Eines ist jedoch sicher: Das „Projekt Weitblick“ wird die politische Debatte im Frühjahr dominieren.

PM

Bild: Symbolbild   (Foto Pixabay)

 

Facebook
Twitter
LinkedIn